Seit Jahren steht der Steglitzer Kreisel wie ein offener Zahn an der Schloßstraße – jetzt gibt es eine neue Idee, die viele Berlinerinnen und Berliner aufhorchen lässt.1 Oben ein Wohnturm, unten eine Schule: So stellt sich der Tagesspiegel die Rettung des leerstehenden Hochhausskeletts vor. Direkt gegenüber an derselben Schloßstraße prägt das Schlosspark Theater seit Jahrzehnten das kulturelle Bild des Bezirks.
Damit würde aus dem „Schandmal von Berlin“ plötzlich ein Ort zum Wohnen und Lernen – mitten im Herzen von Steglitz.2 Für die Nachbarschaft wäre das mehr als nur eine kosmetische Korrektur: Es geht um Lärm, Verkehr, Mieten und vor allem um die Frage, wie dieser Klotz endlich wieder Teil des Kiezes werden kann.3
Vom Problem-Turm zum gemischten Stadtbaustein
Der Vorschlag aus der Tagesspiegel-Redaktion ist schnell erzählt: Die oberen Etagen des 120 Meter hohen Turms werden zu Wohnungen, im Sockel entsteht eine Schule mit Turnhalle und Freiflächen. So würde der Kreisel zu einem gemischt genutzten Gebäude – ein Baustein gegen Wohnungsnot und Schulplatzmangel zugleich.
Schon frühere Pläne sahen vor, aus dem ehemaligen Bürohochhaus ein Wohnhochhaus mit rund 330 Eigentumswohnungen zu machen, unter dem Projektnamen „ÜBERLIN“.4 Der jetzt diskutierte Ansatz geht einen Schritt weiter, indem er Wohnen und Bildung in einem Haus bündelt – und damit eine urbane Nutzungsmischung schafft, wie sie in vielen Großstädten längst üblich ist.
Ein Hochhaus mit schwerer Geschichte
Der Steglitzer Kreisel ist für den Südwesten Berlins so etwas wie ein ungeliebtes Wahrzeichen. Ende der 1960er-Jahre als Prestigeprojekt gestartet, verschlang der Bau mehr als 300 Millionen Mark und galt schon damals als überdimensioniert.
Später zog das Bezirksamt Steglitz ein, dann kam der Asbest, die Sanierung, der Auszug – und schließlich jahrelanger Leerstand. In den 2010er-Jahren verkaufte das Land Berlin den Turm an einen Projektentwickler, der den Umbau zum Wohnturm mit 29 Etagen und 330 Eigentumswohnungen startete; das Ganze lief unter dem Namen „ÜBERLIN“.
Die Fassade wurde abgetragen, das Gebäude entkernt, Balkone und Loggien waren geplant, der Bezug ab 2024 vorgesehen – doch Finanzprobleme und Querelen des Eigentümers bremsten das Projekt aus. Inzwischen ist der Komplex Symbol für gescheiterte Immobilienfantasien, milliardenschwere Konzernskandale und verpasste Chancen im Berliner Wohnungsbau.
Warum eine Schule im Kreisel Sinn ergeben könnte
Wer in Steglitz-Zehlendorf Kinder hat, kennt das Problem: Schulplätze sind knapp, die bestehenden Schulen voll, Ausweichcontainer auf Schulhöfen längst normal.5 Gleichzeitig steht mit dem Kreisel ein riesiger Rohbau fast direkt über U-Bahn, S-Bahn und Busknotenpunkt herum – besser an den ÖPNV angebunden kann eine Schule kaum liegen.
Eine Schule im Sockel des Kreisels könnte nicht nur moderne Räume bieten, sondern durch die Lage an der Schloßstraße auch bestens erreichbar sein – zu Fuß, mit dem Rad oder den Öffis. Denkbar wäre etwa eine weiterführende Schule mit Sporthalle im Inneren und geschickt angelegten Freiflächen auf Dach- und Innenhofflächen, wie sie in dicht bebauten Stadtteilen inzwischen häufiger realisiert werden.
Für Anwohnende stellt sich natürlich die Frage nach der Belastung: Mehr Kinder, mehr Eltern-Taxis, mehr Trubel am Morgen. Gleichzeitig würden Schulnutzung und Wohnen aber auch für eine „bürgerliche“ Durchmischung sorgen – statt eines toten Investorenobjekts gäbe es ein lebendiges Haus mit festen Kiezbezügen.
Wohnturm: Luxus, Normalmaß oder bezahlbar?
Schon im alten „ÜBERLIN“-Konzept war klar: Die Wohnungen im Kreisel sollten keine Sozialwohnungen, sondern eher hochwertige Eigentumswohnungen werden – mit größeren Einheiten in den oberen Etagen. Auch der Tagesspiegel-Entwurf rechnet eher mit einem hochwertigen Wohnturm, der die Baukosten für Schule und Umbau querfinanziert.
Genau hier liegt der wunde Punkt: In einem Bezirk, in dem Mieten und Kaufpreise seit Jahren steigen, ist die Geduld vieler Nachbarinnen und Nachbarn mit Luxusprojekten erschöpft. Eine Schule im Sockel könnte politisch nur schwer zu verkaufen sein, wenn oben ausschließlich hochpreisige Lofts entstehen – die klassische „öffentlich zahlt, privat kassiert“-Kritik stünde sofort im Raum.
Gleichzeitig sind die technischen und finanziellen Herausforderungen des Umbaus enorm: Der Turm ist entkernt, die Fassade zurückgebaut, der Stahlbeton in die Jahre gekommen – ohne massive Investitionen wird der Kreisel kein Wohnhaus, egal ob mit oder ohne Schule. Die Kunst wird darin liegen, ein Modell zu finden, bei dem öffentliche Hand, Eigentümer und möglicherweise neue Investoren die Last teilen, ohne den Kiez aus dem Blick zu verlieren.
Was bedeutet das für Steglitz – und wer entscheidet am Ende?
Für die Menschen rund um die Schloßstraße ist eines klar: So wie jetzt kann es nicht bleiben. Der Turm prägt das Stadtbild seit den 1970er-Jahren, aber seit Jahren dominiert er vor allem als Ärgernis – vom Busbahnhof unten bis zur nackten Betonstruktur oben.
Zwischennutzungsprojekte wie „Zeit ist knapp“, das im Kreisel bereits der Kultur eine Bühne bietet, zeigen, dass Leben im Gebäude möglich ist, wenn man es zulässt. Eine dauerhafte Mischnutzung aus Wohnen, Schule, Gewerbe und Kultur könnte den Kreisel endlich zu dem machen, was er immer hätte sein sollen: ein selbstverständlicher Teil des Stadtviertels, statt ein Mahnmal für geplatzte Träume.
Ob der Tagesspiegel-Vorschlag Realität wird, ist noch völlig offen – am Ende entscheiden Senat, Bezirk, Eigentümer und die Frage, wer das alles bezahlt. Klar ist aber: Je konkreter die Ideen, desto größer der Druck, aus der ewigen Baustelle endlich ein bewohnbares Stück Stadt zu machen – und darum wird im Südwesten sicherlich noch hitzig diskutiert werden.