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Steglitz-Zehlendorf Geschichte: Villen, Wissenschaft und die Brücke der Spione

Von Florian Reimann | 14. Juni 2026
Steglitz-Zehlendorf Geschichte: Villen, Wissenschaft und die Brücke der Spione © Unbekannter Fotograf (1881), gemeinfrei / Wikimedia Commons
Die erste elektrische Straßenbahn der Welt, 1881 in Berlin-Lichterfelde von Siemens & Halske in Betrieb genommen.

Wer in Dahlem aus der U-Bahn steigt, steht mitten in einer ehemaligen Domäne, deren Felder im Jahr 1900 noch Kartoffeln trugen und auf denen heute der Botanische Garten, die Freie Universität und eine Reihe weltberühmter Forschungsinstitute liegen. In Lichterfelde rollte 1881 die erste elektrische Straßenbahn der Welt, an der Glienicker Brücke tauschten die Supermächte ihre Spione. Steglitz-Zehlendorf trägt seine Geschichte nicht in Industriehallen, sondern in Villen, Laboren und Hörsälen.

Der heutige Bezirk im Südwesten Berlins entstand erst 2001 aus den beiden alten Bezirken Steglitz und Zehlendorf. Seine Wurzeln reichen aber bis zu mittelalterlichen Dörfern und slawischen Siedlern an Schlachtensee und Krummer Lanke zurück. Diese Chronik führt vom ersten Pergament des 13. Jahrhunderts bis zu den Bauprojekten der Gegenwart.

Was dich erwartet

Mittelalterliche Dörfer: Lankwitz, Zehlendorf, Steglitz

Die Geschichte des Bezirks beginnt nicht mit einer Stadt, sondern mit einer Reihe von Bauerndörfern auf dem Teltow, der Hochfläche südlich der Berliner Urstromtäler. Schon vor der deutschen Ostsiedlung lebten hier slawische Siedler an Schlachtensee und Krummer Lanke.1

Das älteste schriftlich greifbare Dorf ist Lankwitz, das 1239 als "Lancewitz" in einer Urkunde erscheint. Wenige Jahre später, 1242, ist Zehlendorf als "Cedelendorp" belegt, das in jenem Jahr an das Zisterzienserkloster Lehnin verkauft wurde und bis 1542 in dessen Besitz blieb.2

Steglitz, einst "Stegelitz", lag als Straßendorf unterhalb des Fichtenbergs an der Bäke und wurde erst 1375 im Landbuch Kaiser Karls IV. erstmals genannt. Auch Dahlem taucht im 13. Jahrhundert in den Quellen auf. Aus diesen kleinen, ackerbäuerlichen Gemeinden im Kreis Teltow sollte später einer der grünsten Bezirke Berlins werden.3

Frühe Neuzeit: Die Domäne Dahlem und die Bäke-Mühlen

Über Jahrhunderte blieben die Dörfer im Schatten der größeren Märkte. Prägend wurde die landwirtschaftliche Grundstruktur. In Dahlem entstand ein Rittergut, dessen Gutshof als Domäne Dahlem erstmals um 1450 fassbar wird und der über Generationen das Dorf bestimmte.4

An der Bäke, einem heute weitgehend verschwundenen Bach zwischen Steglitz und Wannsee, klapperten Wassermühlen, und der Wasserlauf bildete später einen Teil des Verbindungswegs zwischen Spree und Havel. 1792 wurde die Chaussee zwischen Berlin und Potsdam als eine der ersten gepflasterten Kunststraßen Preußens angelegt, die mitten durch das spätere Bezirksgebiet führte.5

1841 verkaufte der preußische Staat die Domäne Dahlem nicht etwa an einen Bauern, sondern behielt sie zunächst in eigener Hand. Diese Entscheidung sollte sich am Ende des 19. Jahrhunderts als folgenreich erweisen, denn auf dem Domänenland ließ sich planvoll eine ganze Wissenschaftslandschaft errichten.6

Ab 1865: Carstenn und die Villenkolonien

Mit der Industrialisierung Berlins wuchs der Hunger nach Bauland für wohlhabende Stadtflüchter. Der Hamburger Unternehmer Johann Anton Wilhelm Carstenn erwarb um 1865 Güter in Lichterfelde und entwickelte dort eine der ersten planmäßigen Villenkolonien im Berliner Umland.7

Das Konzept war neu: großzügige Grundstücke, breite Alleen und ein durchdachtes Straßennetz für eine gehobene bürgerliche Klientel. Lichterfelde, Steglitz und später auch Nikolassee und Wannsee verwandelten sich vom Acker zur Vorstadt. Wer es sich leisten konnte, zog ins Grüne. Diese frühe Prägung erklärt bis heute die Sozialstruktur und den Wohnungsmarkt des Bezirks.8

Vom Acker zur Villenvorstadt

Die Villenkolonien des 19. Jahrhunderts machten den Südwesten zum begehrten Wohnort des Bürgertums. Bis heute gilt Steglitz-Zehlendorf als einkommensstärkster Bezirk Berlins und verzeichnete in der jüngeren Vergangenheit die meisten Einkommensmillionäre der Stadt. Mehr Zahlen findest du in unserer Bezirksstatistik.

1881: Die erste elektrische Straßenbahn der Welt

In Lichterfelde schrieb die Technikgeschichte ein neues Kapitel. Am 16. Mai 1881 nahm Siemens & Halske auf der Strecke vom Bahnhof Lichterfelde zur Preußischen Hauptkadettenanstalt die erste elektrische Straßenbahn der Welt im fahrplanmäßigen Betrieb auf.9

Werner von Siemens nutzte eine ohnehin für den Bau der Kadettenanstalt verlegte Materialbahn als Versuchsstrecke. Der erste Wagen war fünf Meter lang, fasste rund zwanzig Personen und erreichte etwa zwanzig Stundenkilometer, gespeist aus dem Gleis mit Gleichstrom.10

Die erste elektrische Eisenbahn der Welt.
Inschrift der Gedenktafel an der Strecke in Lichterfelde

Die Bahn war zunächst ein Versuch, doch sie bewies, dass elektrischer Nahverkehr funktioniert. Von Lichterfelde aus trat das Prinzip seinen Siegeszug um die Welt an. Eine Gedenktafel erinnert bis heute an die Pionierstrecke zwischen dem heutigen Bahnhof Lichterfelde-Ost und der Finckensteinallee.11

Ab 1899: Dahlem wird Wissenschaftsstadt

Der Botanische Garten

1899 begann auf dem Land der Domäne Dahlem die Verlegung des alten Botanischen Gartens aus Schöneberg. Auf gut 40 Hektar früherem Kartoffelacker entstand nach Plänen des Direktors Adolf Engler eine der bedeutendsten Pflanzensammlungen der Welt, die am 24. und 25. Mai 1910 feierlich eröffnet wurde.12

Kaiser-Wilhelm-Institute und das "deutsche Oxford"

Parallel verfolgte der preußische Ministerialbeamte Friedrich Althoff den Plan, Dahlem zu einem deutschen Oxford auszubauen. 1911 wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet, und in den folgenden Jahren entstanden auf dem Domänenland zahlreiche Forschungsinstitute. Dahlem wurde zum Götterhimmel der Wissenschaft.13

Am 17. Dezember 1938 gelang Otto Hahn und Fritz Straßmann im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie die Entdeckung der Kernspaltung, an deren theoretischer Deutung Lise Meitner maßgeblichen Anteil hatte. Eine wissenschaftliche Sternstunde mit globalen Folgen, ausgerechnet in einem ruhigen Berliner Vorort.14

Die Kernspaltung kam aus Dahlem

In einem Laborgebäude an der heutigen Freien Universität spaltete Otto Hahn 1938 erstmals den Atomkern. Das Haus trägt heute den Namen Hahn-Meitner-Bau und erinnert an beide Forscher, die hier über zwei Jahrzehnte arbeiteten.

1920: Zwei Berliner Bezirke entstehen

Mit dem Groß-Berlin-Gesetz vom 27. April 1920 wurden zum 1. Oktober 1920 die bis dahin selbstständigen Landgemeinden und Gutsbezirke des Kreises Teltow in die neue Einheitsgemeinde Berlin eingegliedert. Aus dem Südwesten wurden gleich zwei Verwaltungsbezirke gebildet.15

Der Bezirk Steglitz entstand aus den Gemeinden Steglitz, Lichterfelde, Lankwitz und Südende. Der Bezirk Zehlendorf umfasste Zehlendorf, Dahlem, Nikolassee und Wannsee. Beide Bezirke gehörten von Anfang an zu den grünsten und am dünnsten besiedelten Teilen der Stadt.16

Anders als die dicht bebauten Mietskasernenviertel im Berliner Norden blieben die Ortsteile hier von Villen, Gärten und Seen geprägt. Diese frühe Weichenstellung wirkt bis in die heutige Bevölkerungsstruktur nach.17

Weimarer Moderne: Onkel Toms Hütte

In den 1920er Jahren wuchs Berlin auch im Südwesten, nun aber mit einem sozialen Anspruch. Zwischen 1926 und 1931 errichtete der Architekt Bruno Taut gemeinsam mit Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg die Waldsiedlung Zehlendorf rund um den heutigen U-Bahnhof Onkel Toms Hütte.18

Mit rund 1.900 Wohnungen war sie eine der größten und attraktivsten Großsiedlungen der Weimarer Republik. Tauts kräftige Farbgebung in Grün, Gelb und Blau brachte ihr bei den Bewohnern den Spitznamen "Papageiensiedlung" ein. Die Siedlung steht bis heute unter Denkmalschutz und wurde 2023 als mögliche Erweiterung des Welterbes "Siedlungen der Berliner Moderne" auf die Vorschlagsliste gesetzt.19

NS-Zeit, Kadettenanstalt und Krieg

Die Leibstandarte in Lichterfelde

Die ehemalige Preußische Hauptkadettenanstalt in Lichterfelde, zwischen 1873 und 1878 erbaut, war nach dem Versailler Vertrag aufgelöst worden. Ende April 1933 bezog die Leibstandarte-SS Adolf Hitler die Kasernen. 1934 fanden auf dem Gelände im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch Erschießungen durch SS-Kommandos statt.20

Der Aufstieg der NSDAP war im bürgerlichen Südwesten früh sichtbar. Schon 1932 erhielt die Partei in Steglitz mit über 42 Prozent einen ihrer höchsten Stimmenanteile in Berlin. Zahlreiche jüdische Bewohner und Wissenschaftler wurden in den folgenden Jahren verfolgt, vertrieben und ermordet.21

Krieg und Zerstörung

Am Wannsee, in einer Villa am Großen Wannsee, organisierten hohe NS-Funktionäre am 20. Januar 1942 auf der Wannseekonferenz die Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Der Ort liegt im heutigen Ortsteil Wannsee und ist seit 1992 Gedenk- und Bildungsstätte.22

Auch der Südwesten wurde im Zweiten Weltkrieg von Luftangriffen getroffen, blieb aber dank seiner aufgelockerten Bebauung von der flächigen Zerstörung der Innenstadt teilweise verschont. Ende April 1945 erreichte die Rote Armee das Bezirksgebiet, am 2. Mai 1945 kapitulierte Berlin.

Ab 1945: US-Sektor und Freie Universität

Hauptquartier der Amerikaner

Nach Kriegsende fielen Steglitz und Zehlendorf an den amerikanischen Sektor Berlins. Die US-Armee übernahm im Juli 1945 die frühere Kadettenanstalt in Lichterfelde und nannte sie Andrews Barracks. An der Clayallee in Dahlem residierte die amerikanische Militärregierung im früheren Gebäude des Luftgaukommandos.23

Gründung der Freien Universität 1948

Als Studenten an der im sowjetischen Sektor gelegenen Universität Unter den Linden wegen kritischer Äußerungen ausgeschlossen wurden, formierte sich eine Protestbewegung. Mit Unterstützung der amerikanischen Besatzungsmacht und Spenden aus den USA wurde am 4. Dezember 1948 im Titania-Palast in Steglitz die Freie Universität Berlin gegründet, deren Lehrbetrieb bereits am 15. November 1948 in Gebäuden der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem begonnen hatte.24

Amerikanische Mittel ermöglichten zentrale Bauten wie den Henry-Ford-Bau und das Universitätsklinikum Benjamin Franklin. Dahlem wurde so vom Forschungsstandort zur Studentenstadt, und der Name "Freie Universität" wurde zum Programm im geteilten Berlin.25

Glienicker Brücke und die Mauer

Die Bezirksgrenze im Südwesten war zugleich Systemgrenze. Über die Glienicker Brücke zwischen Wannsee und Potsdam fanden zwischen 1962 und 1986 drei spektakuläre Agentenaustausche statt, darunter 1962 der Tausch des U-2-Piloten Francis Gary Powers gegen den sowjetischen Spion Rudolf Abel.26

Brücke der Spione

Die Glienicker Brücke wurde im Kalten Krieg weltberühmt als Schauplatz von Agentenaustauschen zwischen Ost und West. Am Tag nach dem Mauerfall, einen Tag später als an der innerstädtischen Grenze, öffnete sich auch hier der Übergang nach Potsdam.

Nach 1990: Fusion und Gegenwart

Abzug der Alliierten

Mit dem Ende des Besatzungsstatus 1990 zogen die alliierten Truppen aus Berlin ab. Zehlendorf verabschiedete seine amerikanischen Gäste im April 1994 mit eigens veranstalteten "Friendship-Days". Im ehemaligen US-Truppenkino Outpost an der Clayallee erinnert seit 1998 das Alliiertenmuseum an vier Jahrzehnte Schutzmacht.27

Die Fusion 2001

Im Zuge der Berliner Bezirksgebietsreform wurden zum 1. Januar 2001 die beiden Bezirke Steglitz und Zehlendorf zum neuen Bezirk Steglitz-Zehlendorf zusammengelegt. Der Bezirk zählt heute fast 296.000 Einwohner und gilt als sozial stabilster und einkommensstärkster Teil Berlins.28

Die historischen Forschungsstandorte wirken weiter. In Dahlem bündeln die Freie Universität und mehrere Max-Planck- und Leibniz-Institute eine der höchsten Wissenschaftsdichten Deutschlands, und der Botanische Garten ist mit rund 43 Hektar einer der größten der Welt. Wer hier wohnt, zahlt für die Lage einen Preis, der sich auch in den Lebenshaltungskosten niederschlägt.29

Ausblick

Die kommenden Jahre stehen im Zeichen von Verdichtung und Verkehr. Diskutiert werden die Reaktivierung der historischen Stammbahn zwischen Zehlendorf und Potsdam, neue Wohnquartiere auf früheren Militär- und Bahnflächen sowie die behutsame Nachverdichtung in einem Bezirk, der seinen grünen, villengeprägten Charakter bewahren will. Was bleibt, ist die Mischung aus Wissenschaft, Wald und Wasser, die Steglitz-Zehlendorf seit über hundert Jahren auszeichnet.30

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Florian Reimann
Florian Reimann
Freier Journalist

Freiberuflicher Journalist, zugezogen aus Hamburg, inzwischen überzeugter Zehlendorfer. Schreibt bevorzugt über Lokalpolitik und scheut sich nicht vor unbequemen Fragen im Rathaus.

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