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Lokales

Steglitz-Zehlendorf Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk

Eine erzählerische Reise zu den verschwundenen, stillgelegten und überwucherten Orten in Steglitz-Zehlendorf.

Von Florian Reimann | 14. Juni 2026
Steglitz-Zehlendorf Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk © A.Savin / Wikimedia Commons (FAL)
Vom Grün überwucherte Gleise der stillgelegten Stammbahn bei Düppel.

Steglitz-Zehlendorf gilt heute als grüner, wohlhabender Villenbezirk im Südwesten Berlins, doch unter dieser ruhigen Oberfläche liegt eine ungewöhnlich dichte Schicht aus Militärgeschichte, geteilter Stadt und stillgelegtem Verkehr. Hier standen die Kadettenanstalt des preußischen Heeres und später die größte Kaserne der SS, hier zogen die Amerikaner ein und bauten eine eigene kleine Stadt mit Kino und Einkaufszentrum, und hier verlief über Jahrzehnte die Mauer entlang der Havelseen und durch den Wald.

Diese Lagen haben Spuren hinterlassen: überwucherte Bahntrassen, abgerissene Gebäude, eingezäunte Brücken über den Teltowkanal und Reste des Grenzstreifens am Griebnitzsee. Wir gehen diesen verlorenen Orten nach, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Vieles lässt sich von Wegen, Brücken und öffentlichen Flächen aus erkunden, manches ist nur noch als Erinnerung im Stadtbild greifbar.

Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.

Was dich erwartet

1. Preußische Hauptkadettenanstalt und Andrews Barracks (Lichterfelde)

Backsteinbauten der ehemaligen Kadettenanstalt an der Finckensteinallee, heute Bundesarchiv.
Backsteinbauten der ehemaligen Kadettenanstalt an der Finckensteinallee, heute Bundesarchiv. Foto: Bodo Kubrak / Wikimedia Commons (CC0)
  • Lage: Finckensteinallee, Lichterfelde
  • Erbaut: 1871 bis 1878 als Kadettenanstalt
  • In Betrieb: Kadetten bis 1920, SS-Kaserne 1933 bis 1945, US-Kaserne bis 1994
  • Heute: Bundesarchiv, Denkmalschutz

Die Hauptkadettenanstalt wurde ab 1871 als Ausbildungsstätte für den preußischen Offiziersnachwuchs errichtet und prägte Lichterfelde über Jahrzehnte. Nach 1933 übernahm die SS das Gelände und baute es zur Kaserne der Leibstandarte Adolf Hitler um, wo Ende Juni 1934 zahlreiche Erschießungen im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches stattfanden.1

Nach dem Krieg zog die US-Armee ein und nannte die Anlage Andrews Barracks. Die monumentalen Granitfiguren am Eingang an der Finckensteinallee wurden einbetoniert und existieren bis heute unsichtbar. Seit 1994 nutzt das Bundesarchiv den Komplex, große Teile stehen unter Denkmalschutz.

2. Telefunkenwerk und McNair Barracks (Lichterfelde)

Das langgestreckte ehemalige Telefunken- und McNair-Gebäude am Platz des 4. Juli.
Das langgestreckte ehemalige Telefunken- und McNair-Gebäude am Platz des 4. Juli. Foto: Fridolin freudenfett (Peter Kuley) / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Goerzallee / Platz des 4. Juli, Lichterfelde
  • Erbaut: Telefunken ab 1938/39
  • In Betrieb: Rüstungswerk bis 1945, US-Kaserne bis 1994
  • Status: Denkmalschutz seit 1995, teils Wohnnutzung

Ursprünglich errichtete Telefunken hier ab 1938 ein großes Werk für Elektronenröhren und Funkanlagen, in dem während des Krieges auch Häftlinge des KZ-Außenlagers Lichterfelde Zwangsarbeit leisten mussten. Nach Kriegsende wurde die noch funktionsfähige Anlage als Reparationsleistung demontiert.2

Die Amerikaner bauten den Gebäuderiegel zur McNair Barracks aus, der dritten großen Kaserne der Berlin Brigade. Mit rund 60.000 Quadratmetern steht das Ensemble seit 1995 unter Denkmalschutz und galt damit als eines der größten Denkmale Berlins nach dem Flughafen Tempelhof.

3. Überwucherte Stammbahn zwischen Zehlendorf und Düppel

Vom Grün überwucherte Gleise der stillgelegten Stammbahn bei Düppel.
Vom Grün überwucherte Gleise der stillgelegten Stammbahn bei Düppel. Foto: A.Savin / Wikimedia Commons (FAL)
  • Lage: Zwischen S-Bahnhof Zehlendorf und Benschallee
  • Eröffnet: 1838 als erste preußische Eisenbahn
  • Stillgelegt: Abschnitt Zehlendorf bis Düppel 1980
  • Heute: Vom Wald zurückerobert, nicht zugänglich

Die Stammbahn war 1838 die erste Eisenbahn Preußens und verband Berlin mit Potsdam. Der südwestliche Abschnitt zwischen Düppel und Griebnitzsee wurde schon 1945 abgebaut, die Pendel-S-Bahn von Zehlendorf nach Düppel folgte nach dem Streik von 1980.3

Seitdem holt sich der Wald die Trasse Stück für Stück zurück. Zwischen Bäumen und Gestrüpp markieren überwucherte Gleise und alte Bahndämme den Verlauf, der Bahnsteig der Stammbahn am S-Bahnhof Zehlendorf liegt ungenutzt und ist nicht zugänglich.

4. Abgerissener Bahnhof Düppel

Historische Aufnahme des längst abgerissenen Bahnhofs Düppel.
Historische Aufnahme des längst abgerissenen Bahnhofs Düppel. Foto: Unbekannt / Wikimedia Commons (CC0)
  • Lage: Nahe Benschallee, Ortsteil Düppel
  • In Betrieb: Bis 1980 Endpunkt der Pendel-S-Bahn
  • Abgerissen: Bahnhofsgebäude 1982
  • Heute: Prellbock und Gleisrest, naturnah

Der Bahnhof Düppel war bis 1980 der Endpunkt der kurzen Pendel-S-Bahn von Zehlendorf, bevor die Stadtgrenze an der Benschallee die Strecke abriegelte. Nach der Stilllegung verlor die Station ihre Funktion.4

Das Bahnhofsgebäude wurde 1982 endgültig abgerissen. Vom einstigen Endbahnhof zeugen heute nur noch ein Prellbock und Spuren der Gleisanlage, die zwischen Bewuchs kaum noch zu erkennen sind.

5. Friedhofsbahn nach Stahnsdorf (ab Wannsee)

Verwachsene Reste der stillgelegten Friedhofsbahn Richtung Stahnsdorf.
Verwachsene Reste der stillgelegten Friedhofsbahn Richtung Stahnsdorf. Foto: Frommbold / Wikimedia Commons (CC0)
  • Lage: Ab Bahnhof Wannsee Richtung Dreilinden / Stahnsdorf
  • Eröffnet: 1913, Elektrifizierung 1928
  • Stillgelegt: Mit dem Mauerbau 1961
  • Heute: Verfallene Trasse, beliebter Lost Place

Die Friedhofsbahn wurde 1913 eröffnet, um die großen Friedhöfe südwestlich der Stadt anzubinden, vor allem den Südwestkirchhof Stahnsdorf. Ab 1928 fuhr hier die elektrische S-Bahn von Wannsee über Dreilinden nach Stahnsdorf.5

Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 endete der Verkehr auf der Strecke, die West-Berlin mit dem Umland verband. Seitdem verfällt die Trasse, Brücken und Bahndämme liegen verlassen im Wald und sind ein bekanntes Ziel für Spaziergänger.

6. Abgerissene Truman Plaza (Zehlendorf)

Die Truman Plaza zu US-Zeiten, das Einkaufszentrum wurde später abgerissen.
Die Truman Plaza zu US-Zeiten, das Einkaufszentrum wurde später abgerissen. Foto: Dingeldie / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Clayallee, nahe US-Hauptquartier
  • Eröffnet: Einkaufszentrum Ende der 1970er
  • Abgerissen: Nach US-Abzug in den 1990ern
  • Heute: Wohnquartier, kaum noch Spuren

Die nach US-Präsident Harry S. Truman benannte Truman Plaza war das zivile Herz der amerikanischen Präsenz in Berlin: ein Einkaufszentrum mit Commissary, Post Exchange, Bank und Imbissen, dazu 1986 der erste Burger King der Stadt. Es funktionierte wie eine kleine amerikanische Stadt für sich.6

Nach dem Abzug der US-Streitkräfte stand die Anlage verwaist da und wurde als eine der ersten alliierten Liegenschaften vollständig abgerissen. Heute steht an ihrer Stelle ein neues Wohnquartier, vom Original ist kaum etwas geblieben.

7. Kontrollpunkt Dreilinden / Checkpoint Bravo

Das markante Brückenhaus am ehemaligen Checkpoint Bravo in Dreilinden.
Das markante Brückenhaus am ehemaligen Checkpoint Bravo in Dreilinden. Foto: Jochen Teufel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: A115 zwischen Nikolassee und Drewitz
  • In Betrieb: Bis 1969 alte Anlage, dann verlegt
  • Status: Brückenhaus unter Denkmalschutz
  • Heute: Verfallendes Rasthaus, Gewerbegebiet daneben

Checkpoint Bravo war der wichtigste Autobahnübergang zwischen West-Berlin und der DDR. Die alte Kontrollstelle bei Albrechts Teerofen fiel nach der Verlegung der Trasse 1969 in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf, auf dem stillgelegten Abschnitt bewegten sich nur noch DDR-Grenztruppen.7

Vom Übergang blieben die eingezäunte Brücke über den Teltowkanal und das zunehmend verfallende Brückenhaus erhalten, beides steht unter Denkmalschutz. Auf den Resten der neueren Anlage entstand das Gewerbegebiet Europarc Dreilinden.

8. Alte Reichsautobahn und Teltowkanalbrücke bei Albrechts Teerofen

Die funktionslose alte Autobahnbrücke über den Teltowkanal bei Dreilinden.
Die funktionslose alte Autobahnbrücke über den Teltowkanal bei Dreilinden. Foto: Andre_de / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: Albrechts Teerofen, südlich Kohlhasenbrück
  • Eröffnet: 1940 mit Brücke über den Teltowkanal
  • Stillgelegt: Trasse 1969 bis 1972 verlegt
  • Heute: Funktionslose Brücke, renaturierte Trasse

Die Reichsautobahn ging hier 1940 in Betrieb und führte über eine Brücke über den Teltowkanal. Die alte Trasse verlief parallel zur Stammbahn, bevor sie scharf nach Süden zum Kontrollpunkt Dreilinden abbog.8

Zwischen 1969 und 1972 wurde die Autobahn verlegt, sodass die alte Strecke und ihre Brücke funktionslos zurückblieben. Lange diente das Gelände als Campingplatz, um 2000 wurde der Asphalt im Zuge von Renaturierungsmaßnahmen entfernt, die einsame Brücke steht bis heute.

9. Ehemaliges Outpost-Kino an der Clayallee (Zehlendorf)

Das frühere US-Kino Outpost an der Clayallee, heute Sitz des AlliiertenMuseums.
Das frühere US-Kino Outpost an der Clayallee, heute Sitz des AlliiertenMuseums. Foto: Fridolin freudenfett (Peter Kuley) / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Clayallee, im früheren US-Sektor
  • Erbaut: 1952/53 von der US-Armee
  • Früher: Modernstes US-Kino in Europa, 750 Plätze
  • Heute: AlliiertenMuseum, Denkmalschutz

Das Outpost Theater wurde 1952/53 von der US-Armee gebaut und galt mit 750 Plätzen als modernstes Kino der amerikanischen Streitkräfte in Europa. Der Berliner Bevölkerung blieb es ebenso verschlossen wie die benachbarte Nicholson Memorial Library.9

Nach dem Abzug der Amerikaner stand das Gebäude leer, fand aber eine neue Nutzung: Seit 1998 beherbergt das denkmalgeschützte Kino zusammen mit der Bibliothek das AlliiertenMuseum, das an die Zeit der Westalliierten in Berlin erinnert.

10. Mauerreste und Kolonnenweg am Griebnitzsee

Gedenkstätte mit Mauerrest am Ufer des Griebnitzsees.
Gedenkstätte mit Mauerrest am Ufer des Griebnitzsees. Foto: Lichterfelder / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Ufer des Griebnitzsees, nahe Bahnhof
  • In Betrieb: Grenzanlage bis 1989
  • Status: Mauerrest unter Denkmalschutz
  • Heute: Beliebter Uferweg auf altem Kolonnenweg

Am Ufer des Griebnitzsees verlief die innerdeutsche Grenze, für DDR-Bürger war der See unzugänglich. Der Bahnhof Griebnitzsee diente als erste Station auf DDR-Gebiet der Kontrolle der Transitzüge, die hier oft eine ganze Stunde halten mussten.10

Ein erhaltener Mauerrest am Ufer steht wie alle Reste der Berliner Mauer unter Denkmalschutz. Der frühere Kolonnenweg der Grenztruppen wurde nach 1990 zum beliebten Spazierweg entlang des Wassers.

11. Grenzstreifen am Königsweg bei Kohlhasenbrück

Die Brücke des Königswegs über die stillgelegte Friedhofsbahn bei Kohlhasenbrück.
Die Brücke des Königswegs über die stillgelegte Friedhofsbahn bei Kohlhasenbrück. Foto: Agentakt / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: Königsweg, Kohlhasenbrück Richtung Potsdam
  • Früher: Historischer Weg Zehlendorf bis Potsdam
  • Status: Lag im Verlauf der Mauer
  • Heute: Brücke über die Friedhofsbahn, Infotafel

Der Königsweg führte einst vom alten Ortskern Zehlendorf über Kohlhasenbrück nach Potsdam. Mit dem Mauerbau verlor er seine Verbindungsfunktion, denn die Strecke nach Babelsberg wurde durch die Grenze gekappt.11

Die Königsweg-Brücke geriet wegen ihrer Lage im Mauerverlauf zum Beobachtungspunkt für beide Seiten. Heute überspannt sie die verwachsene Trasse der Friedhofsbahn, eine Infotafel erinnert an die deutsch-deutsche Teilung an diesem stillen Waldort.

12. Luftschutzbunker in Schwanenwerder (Nikolassee)

Lage von Luftschutzbunker in Schwanenwerder (Nikolassee) im Bezirk Steglitz-Zehlendorf (Kartenausschnitt).
Lage von Luftschutzbunker in Schwanenwerder (Nikolassee) im Bezirk Steglitz-Zehlendorf (Kartenausschnitt). Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)
  • Lage: Inselstraße 7, Schwanenwerder, Nikolassee
  • Erbaut: 1940/41
  • Status: Authentisch erhalten, Denkmal
  • Heute: Privat, kaum sichtbar

Auf der noblen Halbinsel Schwanenwerder entstand 1940/41 ein privater Luftschutzbunker, eines der wenigen baulichen Zeugnisse der NS-Zeit in diesem Villengebiet. Der Bau zeigt einen schmalen Mittelgang mit acht unterschiedlich großen Zellen.12

Bemerkenswert ist der authentische Erhaltungszustand: Stellenweise sind Segmente der alten Ziegelkellerwände in den Betonwänden zu erkennen, und auch die Lüftungsanlage ist weitgehend intakt. Der Bunker liegt auf privatem Grund und ist von außen kaum wahrnehmbar.

Ausblick: Was bleibt, was verschwindet

Viele dieser Orte in Steglitz-Zehlendorf sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.

Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.

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